die hoehle des loewen ist schon lange nicht mehr dunkel. vielmehr entspricht sie einem panoptikum, in dem sich ein_e jede_r von uns wiederfindet. die prinzipielle moeglichkeit, dass alles ueberwacht wird, ohne immer zu wissen, ob dies im moment wirklich geschieht. kameras an viel zu vielen ecken, handys, helikopter, bullen der verschiedensten einheiten- in gruenen, blauen, schwarzen uniformen, in der uniformitaet der gesellschaft, die als „mode“ bezeichnet wird…
wir begegnen menschen, die wir nicht kennen, oft mit groszer skepsis. der staat und der gehorsam ihm gegenueber ist in den koepfen zu vieler. der fernseher mit seinen hetzbildern hat laengst die eigenen gedanken verdraengt und macht scheinbar die eigene erfahrung und beurteilung ueberfluessig. dazu waere auch gar nicht mehr der kopf frei, denn mensch arbeitet laengst nicht mehr nur 8 stunden bis zum ende der schicht, sondern soll immer erreichbar sein, 24/7. der sinn der freizeit ist nicht das persoenliche vergnuegen und die moeglichkeit, seinen eigenen beduerfnissen und interessen nachzugehen, sondern die reproduktion und der ausbau der eigenen arbeitskraft.
die heutige technologie laesst orwells dystopie so veraltet erscheinen wie pferdekutschen als transportmittel. unsere gesellschaft ist von der logik des kapitalismus und der kontrolle so durchdrungen, dass sogar die erkenntnis dieser tatsache unglaublich schwer erscheint. das offensichtliche wird nicht gesehen, vielmehr werden die groeszten widersprueche willig geschluckt- die ersatzbefriedigung des fast unbegrenzten konsums sorgt dafuer.
der loewe traegt jetzt anzug, ist ausgesprochen freundlich. das fauchen behaelt er sich fuer die wenigen momente vor, in denen es noch noetig erscheint. zubeiszen oder ein hieb mit seiner pranke erledigen sich dann meist von selbst.
die moderne hoehle des loewen laesst keinen raum fuer schatten. keinen baum, unter dem wir uns entspannen koennten. in jede richtung erscheint sie gleich, eine bedrueckende homogenitaet aus betongrau und zwang. jeglicher kampf scheint von vorn herein aussichtslos, zum scheitern verurteilt. manchen erscheint es besser, sich mit dem loewen zu arrangieren, um sich selbst zu retten. gefressen werden ja hoffentlich die anderen. alle, die aus dem mainstream rausfallen, weil sie als „nicht-deutsch“, „juedisch“, „muslimisch“, „asozial“, … angesehen werden oder sich nicht in die heteronormativen geschlechterrollen einfuegen, werden dem loewen als beute angeboten. das ewige gegeneinander, immer in der hoffnung, nicht selbst der_die letzte zu sein.
und doch ist vielleicht diese staerke auch die groeszte schwaeche des loewen. bald ist nichts mehr da zum jagen, die letzten werden verschlungen sein, und der loewe wird nach langem hungern krepieren. wollen wir darauf warten, selbst verspeist zu werden, mit der bitteren genugtuung, das kommende ende des loewen vorauszusehn?
ein kleiner stein ist von der hoehlendecke gebroeckelt. das loch ist gerade grosz genug, um die sterne zu sehen, das erste mal seit so furchtbar langer zeit. der stein liegt gut in der hand, werden wir den richtigen moment finden, um ihn zu werfen?
