Im Namen der Tiere- Anrufung des Staates?

Vorbemerkung: Dieser Artikel beschäftigt sich mit Fehlern der Tierrechtsbewegung (auch anhand einiger Beispiele). Dabei wird die politische (s.u.) Strömung der Antispes von der veganen Esskultur strikt getrennt. Der Artikel soll also kein Pladoyer gegen Veganismus an sich sein, sondern gegen eine moralische Überhöhung einer Essgewohnheit gegenüber anderen Arten, sich zu ernähren.

Im Folgenden werden verschiedene Facetten der Antispe-Bewegung kritisiert, um deutlich zu machen, dass sie in der heute maßgebenden Ausformung keine revolutionäre Perspektive bieten kann und eher Teil des Problems als Teil der Lösung ist.
Das Thema Tierrechtsbewegung kann leider nicht in vollem Umfang kritisiert werden, trotz eines vergleichsweise langen Artikels. Zum Weiterlesen empfiehlt nrk807 daher:
Vom Ernten toter Elefanten-die falsche Opposition der Animal Liberation
im englischen Original „The Harvest of Dead Elephants“ erschienen in A Murder of Crows #2, online auf http://theanarchistlibrary.org

Erstens: Religiöse Wurzeln des Denkens

Bei einer Beobachtung fällt oft auf, dass es große Überschneidungen zwischen Antispes und religiösen Überzeugungen gibt. So hat die überwältigende Mehrheit, evtl sogar alle Menschen in ihrem Leben bereits tierische Produkte konsumiert. Dies ist quasi eine modernisierte Version der christlichen Erbsünde, also der Geburt eines Kindes als Ergebnis sündenhafter sexueller Praktiken. Auch der Verzicht auf einen großen Teil von Lebensmitteln und sonstigen Produkten (z.B. Lederschuhe) nimmt u.U. asketische Züge an, wenn vegane Alternativen nicht vorhanden oder nur schwer zugänglich sind. Pfannen, in denen vor Ewigkeiten Fleisch gekocht wurde sind „verunreinigt“ und werden oft nicht mehr benutzt, auch wenn selbst die gründlichste Laboranalyse keine Spuren von tierischen Produkten mehr nachweisen könnte. Es kann nicht vollständig auf tierische Produkte verzichtet werden, genauso wie die irdische Welt sündenbehaftet ist.

Ebenso ist der Wunsch, „Leid“ zu verhindern (längere Diskussion s. Literaturtipp), nicht nur ein unmögliches Unterfangen, sondern erinnert an kirchliche Fürbitten. Die Tierrechtsbwegung hat sich eine neue Art der Moral und Sittlichkeit geschaffen, die die altbekannte christliche Moral ergänzt, auch die Rechtfertigung bedient sich teilweise ähnlich absurder „Argumente“. Das einzig positive daran ist, das massenhafte Hexen- und Ketzer_innenverbrennungen momentan nicht durchsetzbar scheinen. Der enorme Selbstverzicht und das zielstrebige, fleißige Streben nach einem untadligem Leben kennen wir schon aus dem Protestantismus, der bekanntlich eine Wurzel des kapitalistischen Denkens ist.

Zweitens: Aufstieg und Elitedenken

Das Aufkommen der Tierrechtsbewegung ist nicht zufällig in sehr reichen Ländern am stärksten. Auch wenn sich in vielen Ländern des globalen Südens die meisten Menschen notgedrungen großteils vegan ernähren oder deutlich weniger tierische Produkte konsumieren als im Norden, fehlt hier die Einsicht, das Leid der Tiere beenden zu wollen. Die menschliche Armut und verschiedenste Formen der Unterdrückung sind stark genug, genauso wie eine chronische Existenz-Unsicherheit. Ähnliches kann für Europa bis weit in die Neuzeit hinein gesagt werden. Hier stand auf Wilderei die Todesstrafe und das Jagdrecht galt nur für den Adel. In Gesellschaften der Armut galt und gilt der Konsum von Fleisch als Zeichen eines gehobenen Status; in Europa gehört Fleisch mittlerweile zu den vergleichsweise billigen Lebensmitteln. Gesunde, fleischarme Ernährung (gerne Bio und vegetarisch) wird jetzt ein Merkmal der Unterscheidung zwischen Mittel- und Oberschicht und den ungesund lebenden Hartzer_innen und working poor, die sich Billig-Salami-Fertigpizza und Döner gönnen. Dazu passt auch die Preispolitik von Naturkosmetik und veganen Produkten, die es für viele unerschwinglich macht, vegan zu leben. Die moralische Hemmschwelle zu klauen ist zugleich höher bei kleinen Bio- und Veganläden. Gleichzeitig werden Menschen oft nach dem Grade ihrer veganen Ernährung beurteilt, bis hin zu Aussagen einzelner, keine Freundschaften zu unveganen Menschen mehr einzugehen. Auch auf moralischer Ebene findet eine Abgrenzung gegenüber der fleischverzehrenden Masse statt, der sich viele überlegen fühlen.

In der österreichischen Tierrechtsszene fand vor einiger Zeit auch eine interne E-Mail-Diskussion statt, inwieweit Zuwanderung wünschenswert sei, da „die Ausländer“ ja vielmehr Fleisch essen würden. Auch abseits der Absurdität dieser Behauptung bei Kenntnis der traditionellen österreichen Küche wird klar: Tierbefreiung einerseits und Nationalismus/ Rassismus sind kein Widerspruch, auch Nazis sind mittlerweile auf diesen Zug aufgesprungen. Passend, dass es in regelmäßigen Abständen zum Vergleich zwischen Schlachthöfen und der Shoah kommt. Das nervige Gerede von „Hühner-KZs“ wurde noch zugespitzt, als im Zuge der Tötung von Straßenhunden im Vorfeld eines Sportgroßereignisses (Fußball EM 2010) in Osteuropa von „Todeslagern“ gesprochen wurde. Dieses Wort wird sonst nur für einen Teil der KZs verwendet, in denen -bekanntestes Beispiel ist Ausschwitz- die industrialisierte Ermordung hunderttausender Menschen in Gaskammern stattfand- Dachau z.B. war nicht „krass genug“ um als Todeslager klassifiziert zu werden. Überflüssig zu erwähnen, dass der staatliche Terror gegen Obdachlose, der zeitgleich stattfand, nicht thematisiert wurde.

Drittens: „Dein Reich komme…“

Im Gegensatz zu anderen Teilbereichskämpfen, z.B. Freiräume, Antirassismus etc., ist Antispeziesmus notwendigerweise in vollständiger Stellvertreter_innenpolitik gefangen. Damit ist seine Art, Kämpfe zu führen, eine Zuspitzung von Fremdbestimmung und Paternalismus. Dies hat jedoch auch direkte Auswirkungen auf Menschen, denen -zum angeblichen Wohle der Tiere (nrk807’s Versuche, mit Zootieren über ihre Knasterfahrungen zu kommunizieren, schlugen leider wg. Desinteresse fehl)- ihr eigenes Überleben, das an allen Ecken und Enden auf vielfältigste Art reglementiert und eingeschränkt wird, endgültig zur Hölle auf Erden gemacht werden soll. Das Werkzeug der Wahl hat sich dabei schon allen möglichen anderen Autoritären bewährt: der Staat.

In vielen Fällen fehlt nicht nur die Ablehnung des Staates, sondern dieser wird sogar direkt angerufen. So z.B. bei Forderungen nach einem „Verbot von Fleisch“, das als solches natürlich nur staatlich beschlossen und anschließend durchgesetzt werden kann. Bullen werden aber auch bei kleineren Anlässen geholt. z.B. um Menschen von einer Demo zu kicken, wenn diese entgegen der Absprache eine reine Antipelzdemo zu machen Sprüche gegen Fleischverzehr skandieren (so geschehen in München).
In Griechenland forderten Tierrechtler_innen mehrere Jahre Knast für Kinder, die einen Hund gequält haben. Bei der Parole „Maximum Penalty for these horrible children“ ist mensch dann doch ganz froh, dass die Todesstafe 1993 abgeschafft wurde.
Hier wird deutlich, dass der Einschränkung menschlicher Freiheiten zugunsten der Rechte der Tiere in der Phantasie mancher Teile dieser Bewegung kaum noch Grenzen gesetzt sind und sich auch Positionen annähern können, die nur noch als „Ökofaschismus“ oder „Tierrechtsdiktatur“ bezeichnet werden können.

Dieser Beitrag wurde unter allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.