Das ist nicht nrk807’s Anarchismus

Wie der neuesten Ausgabe der Graswurzel“revolution“ (Nr. 377, S.4) zu entnehmen war, wird dieses Jahr der Erich-Mühsam-Preis an zwei Verleger verliehen (u.a. Jochen Schmück), um (Zitat)

…den Arbeitseinsatz beider Preisträger würdigen, die die Vorstellungen des Anarchismus „in Wort und Schrift“ unters Volk bringen wollen und sich so als Verkünder einer bessere und menschenwürdigeren Welt betätigen…

ein anderer „Verkünder einer besseren und menschenwürdigeren Welt“, grinst ja immer noch bei jeder nervigen Gelegenheit von seinem römischen Galgen runter, und dessen Ehrung hat die Welt auch nicht gerade besser gemacht. Zum Thema „den Anarchismus in Wort und Schrift unters Volk bringen“ ist es interessant, dass Jochen Schmück vom Libertad Verlag einer der Preisträger ist. Schmück geht schon mal mit anwaltlichen Abmahnungen gegen Ankündigungen von „Raub“kopien seiner Bücher vor, und ihm wurde deswegen vor ein paar Jahren nicht ganz unpassend die Errichtung des „ersten anarchistischen Staates“ vorgeworfen. Nun ist allein schon die Vorstellung eines „anarchistischen“ Preises, der immer eine Form des Wettbewerbs und des hierarchischen Denkens (das Werk von X ist wchtiger als das von Y) ist, ein Widerspruch an sich. Vielleicht wäre es in diesem Fall passender, wenn Schmück den Preis nicht von der Erich-Mühsam-Gesellschaft (EMG), sondern von der GEMA überreicht bekäme (sind ja auch sehr ähnliche Abkürzungen)- die würde sich im „Buddenbrookhaus zu Lübeck“ sicher auch heimisch fühlen.

Die Graswurzel“revolution“ an sich wäre auch eine ganze Reihe von Artikeln (ca. 1 pro Monat) wert, auch wenn nrk807 sich hier leider nur mit einigen wenigen Punkten beschäftigen kann.

Insgesamt erscheint die GWR ähnlich Schrebergärten, die von SpießerInnen betrieben werden, die ihre Spießigkeit in keiner Großstadt in vollem Maße ausleben können (außer vielleicht in München). Akademiker_innen, die ihre Titelgeilheit innerhalb der Uni nicht ausleben können, schreiben unter jeden zweiten Artikel „Dr.“, und manchmal scheint eine akademisch-verschwurbelte Sprache, die mensch nur nach 5 Jahren Literaturstudium (Alternative: 10 Jahre GWR Abo) verstehen kann, das wichtigste Auswahlkriterium für Texte. Der ganze Klientelismus (Redakteurin A rezensiert Buch B von Redakteur C) und die andauernde Selbstbeweihräucherung erinnern zudem an das sich gegenseitige Hochziehen in studentischen Verbindungen (nur dass das bei Dr. Bernd Drücke et al. wohl nicht so auf die Leber gehen dürfte).

Trotz (oder gerade wegen) jahrelangem Studiums herrscht bei der GWR wohl einige Begriffsverwirrtheit vor, und Pazifismus wird oft mit Antimilitarismus oder gar Anarchismus gleichgesetzt. Bürgerlichen wird so mitunter ein Forum geboten, in dem sie auf die Gewaltfreiheit pochen und eine Bestrafung durch den Staat als vorher bekannt und daher in Ordnung, da freiwilliges politisches Opfer ansehen. Wenn mensch sich also an einer Sitzblockade beteiligt, ist das ok, genauso gehört dann aber auch das darauffolgende Gerichtsverfahren dazu. Gerade auch das Pochen auf Gewaltfreiheit in allen Aktionen führt oft zu einer Spaltung in gute , friedlichen Demonstrant_innen, die wie aus einem Findus-Comic entsprungen scheinen, und böse, vermummte steinewerfende Gewalttäter_innen. Dafür braucht es die GWR nicht, das ist bereits Teil des Mainstream. Gegengewalt wird sogar in Fällen, in denen Demokrat_innen diese legitim halten, abgelehnt. In Syrien sind Teile des GWR-Spektrums also getreu dem christlichen Motto „Halte auch noch die andere Backe hin“ dafür, dass sich die Menschen abschlachten lassen.
Zwar würde sich nrk807 insoweit anschließen, dass eine utopische Gesellschaft möglichst gewaltfrei sein sollte, ein Käfig lässt sich aber nun mal nicht dadurch aufkriegen, dass Gitterstäbe weichgestreichelt werden. Wer Menschen beim Aufbrechen ebendieser Stäbe hindern will, handelt wie ein Gefängniswärter und sollte dementsprechend behandelt werden.

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