die institutionalisierung des kampfes

zur kritik des anarcho-syndikalismus

eine antwort auf „die militarisierung der revolte“ (direkte aktion 214, nov/dez 2012).
dieser artikel ist erst am 30.12. online auf der website des fau-zentralorgans „direkte aktion“ einsehbar, mutmaszlich um die verkaufszahlen der printausgabe zu foerdern. der genaue inhalt ist auch nicht weiter von belang, hoechstens zur eigenen belustigung. es reicht hier bereits der untertitel:

„Zur Kritik des Insurrektionalismus: Der Trend zu „aufständischen“ Theorien ist kein Zeichen einer Renaissance des Anarchismus, sondern Symbol seiner aktuellen Schwäche “

anders als es dieser titel vermuten laeszt geht es jedoch nicht um eine kritische auseinandersetzung mit theorien, die von insurrektionalist_innen vertreten werden und was ja an sich auch begrueszenswert waere, sondern um eine kritik des kassenschlagers „l’insurrection qui vient“ (dt: „der kommende aufstand“).

eine gleichsetzung der inhalte von „l’insurrection qui vient“ und denen des aufstaendischen anarchismus ist aus einer ganzen reihe von gruenden nicht nur unangebracht, sondern zeigt auch die unkenntnis der autoren* dieses artikels. so gab es von seiten des aufstaendischen anarchismus eine reihe von kritiken an diesem buch (u.a. „Deplatzierte Kommentare“,a corps perdu #3), auch besonders in bezug auf eine inhaltliche beliebigkeit und dem hype um die mutmaszliche urheber_innenschaft, die sich in der gut laufenden vermarktung und den positiven rezensionen in weiten teilen der buergerlichen presse niederschlagen. die gemeinsame verwendung eines begriffes („insurrection“) ist noch mit der direkteste bezug zwischen beiden. Die autoren* stellen das buch jedoch als „bibel“ oder „programm“ einer ganzen stroemung dar, was an sich aufgrund des fehlens einer wie auch immer gearteten zentralen struktur ein widerspruch in sich ist und nur auf die eigene unfaehigkeit, ohne solche kategorien zu denken, verweist (s.u.). texte, die tatsaechlich einen weit groeszeren einflusz hatten und haben, werden jedoch nicht einmal erwaehnt (z.b. „Ai ferri corti con l’Esistente, i suoi difensori e i suoi falsi critici“/“In offener Feindschaft“ oder die schriften alfredo bonanos und wolfi landstreichers, von noch aelteren klassikern ganz zu schweigen).

dies gesagt, lohnt es sich weiter nicht auf den inhalt des artikels einzugehen, da nrk807 keine verteidigunsschrift fuer ein einzelnes buch verfassen braucht. widmen wir uns lieber dem, was nrk807 die intention des artikel zu sein scheint: das „problem“ der unkontrollierbarkeit einer erstarkenden stroemung, die sich nicht einer zentralen organisation unterordnen lassen will. und damit der kritik des traditionellen anarchosyndikalismus, der -trotz aller unterschiede- an einigen punkten erstaunliche parallelen zu kommunistischen positionen aufweist:

tradition. es kann durchaus sinnvoll sein, historische bezugspunkte zu finden, um die eigenen argumente zu unermauern und kraft zu schoepfen. ein lokales beispiel dafuer waeren die schwabinger krawalle: voellig unerwartet liefern sich tausende menschen eine halbe woche lang straszenschlachten mit den bullen, nachdem eine gruppe (straszen-)musiker* 1962 festgenommen wurde (diese waren im uebrigen nach eigener aussage unpolitisch, auch wenn sie aufgrund des auffindens russischer volkslieder der „kommunistischen agitation“ beschuldigt wurden). dabei ist es immer wichtig, die damaligen situationen und verlaeufe kritisch zu betrachten, fehler zu erkennen, und nichts zu verklaeren. dies trifft jedoch nicht auf den umgang der fau mit dem spanischen buergerkrieg zu- trotz regierungsbeteiligung der schwesterorganisation cnt (anm: nachdem sich diese im post-franqusimus mehrmals gespalten hatte, wurden staatliche gerichte angerufen, um ueber die frage zu entscheiden, wer denn die „wahre“ cnt sei und anspruch auf hohe entschaedigungszahlungen durch den spanischen staat habe).

organisationsfetisch. nrk807 empfiehlt allen, denen es im lokalen kleingartenverein zu unbuerokratisch und leger zugeht, eine fau-mitgliedschaft. es wird nicht nur im jaehrlichen ritual wochenlang darueber abgestimmt, wie abgestimmt werden soll (oder z.b. ueber die ausfertigung von mitgliedsausweisen), sich fast die koepfe eingeschlagen bei der frage, wie die fau mit zigtausenden mitgliedern organisiert werden soll (aus nachvollziehbaren gruenden ist sie nie ueber wenige hundert mitglieder rausgekommen)…laut satzung der internationale, in der die alten cnt-haudegen den ton angeben, darf es nur eine sektion pro staat geben. der kontakt zu allen anderen organisationen in diesem land ist den sektionen untersagt und kann mit ausschluss aus der internationale bestraft werden. ein bisschen erinnert das ganze an „highlander“, nur (bislang?) ohne dasz menschen der kopf abgetrennt wurde. die form einer partei verschwindet nicht dadurch, dasz eine andere bezeichnung fuer diese organisationsform benutzt wird.

arbeitertuemelei. auch hier sind die unterschiede zu marxistischen gruppen eher gering. es wird meist von einem rein oekonomischen standpunkt argumentiert, andere unterdrueckungsmechanismen fast nur in bezug auf die wirtschaft thematisiert (z.b. feminismus durch die situation von frauen* in betrieben). der begriff der „arbeiterklasse“ wird weiterhin als revolutionaeres subjekt gesehen (wenn auch erweitert z.b. auf hartzer_innen), obwohl die geschichte bereits mehrmals gezeigt hat, dass es eine ganze reihe von faktoren gibt, die die positionierungen der einzelnen individuen bestimmen. manchmal gibt es auch resentiments gegenueber „nicht-arbeitenden“ bzw. personen, die aus der definition der „arbeiterklasse“ fallen.

gewerkschaften. es gibt auch eine starke stroemung innerhalb der fau, die im grunde nur eine art „kaempferischen dgb“ aufbauen will, der arbeitskaempfe konsequent durchficht und die position seiner mitglieder unabhaengig von der erwarteten erfolgsrendite verbessern will. natuerlich garniert mit selbstorganisiertem handeln (solange keine traditionen in frage gestellt werden). die eingesetzen mittel unterscheiden sich meistens jedoch nicht zu sehr von anderen gewerkschaften- streiks, agitation, versammlungen, gerichtsverhandlungen, boykotts individueller unternehmen. das kann fuer die_den einzelne_n durchaus was gutes sein, eine weiterfuehrende perspektive auf den weg in richtung einer befreiten gesellschaft ist es jedoch nicht.

in allen beschriebenen punkten gibt es reibungsflaechen mit aufstaendischen theorien (zuallererst ablehnnung zentraler organisationen). eine insurrektion wird stets beschrieben als ein spiel mit unklarem ausgang , als „sprung ins unbekannte“, der von keiner organisation gelenkt werden kann, sondern gemaesz den individuellen verlangen seine eigenen formen und regeln spontan entwickelt. als in kronstadt menschen den aufstand probten, um den verlauf der revolution nicht in den haenden einiger berufsrevolutionaere und organisationsfunktionaere lassen, wurden sie von lenin und trotzki massakriert. im 21.jahrhundert reicht anscheinend schon eine vorsorgliche massakrierung in gedruckter form.

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