einige gedanken zu den aktuellen fluechtlingskaempfen

+++ENGLISH VERSION BELOW+++

„Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“
-dem cheftotengraeber der russischen revolution, w.i.uljanow („lenin“), zugeschrieben

dieser artikel befasst sich mit den fluechtlingsprotesten der letzten monate, die in einem hungerstreik in wuerzburg ihren anfang nahmen, sich jedoch immer mehr ausdehnten. schwerpunkt ist hier weder eine genaue chronologie der ereignisse, eine aufschluesselung nach einzelnen protest-orten noch eine beschreibung der elenden zustaende und der daraus resultierenden forderungen. Dies wurde an anderer stelle bereits ausfuehrlicher und besser getan. vielmehr geht es um die frage der legitimitaet der protestformen. zuerst jedoch ein kurzer exkurs in verschiedene widerstaendige bewegungen der letzten jahre in anderen laendern, die bisher kaum mit den aktuellen protesten in deutschland in verbindung gebracht wurden:

nachdem zwei migrantische jugendliche von den bullen in den tod getrieben wurden, gab es 2005 in den franzoesischen banlieues umfassende krawalle. der widerschein tausender brennender autos machte jegliche naechtliche straszenbeleuchtung ueberfluessig.

die ermordung des 15-jaehrigen alexis grigoropoulos in exarchia/athen(dez 2008) loeste noch am selben tag riots im ganzen land aus. fuer die insass_innen griechenlands besteht hoffnung, dass sich ihr gefaengnis nie ganz von den reaktionen erholen wird, auch wenn sie sich mittlerweile noch mit ganz anderen problemen konfrontiert sehen.

Die selbstverbrennung des gemuesehaendlers mohamed bouazizi (dez 2010) aus protest gegen bullenwillkuehr und demuetigungen durch behoerden fuehrte zu einem revolutionaeren flaechenbrand, der vier diktatoren ihre throhne kostete, und auch noch in so entfernt scheinenden orten wie ougadougou/burkina faso brannte der sitz der regierungspartei. das von der westlichen herrschaftsfraktion ausgerufene ende der geschichte nach ihrem sieg ueber die pseudosozialistische konkurrenz scheint jetzt selbst sein ende gefunden zu haben. auf einmal scheint wieder alles noetige moeglich.

die ermordung des tottenhamers mark duggan durch die organe des staates (aug 2011) fuehrte zu mehrtaegigen unruhen in mehreren staedten des inselgefaengnisses. die von den herrschenden und ihren schreiberlingen als chavs (council housed and violent) diffamierte unterschicht wollte ihren ausschluss von den vorteilen des kapitalsmus nicht mehr hinnehmen.

zwar sind all diese aufstandsbewegungen der letzten jahre aeusserst heterogen, doch zeigen sie das masz, was – im weltweiten kontext- als eine angemessene reaktion der unterdrueckten und marginalisierten auf eine ermordung der ihren durch den gewaltapparat des staates gilt. Auch der suizid bouazizis ist als mord durch den staat zu verstehen, da es dieser war, der ihn zu seinem entschluss gedraengt hat. entscheidend war, dass sich die unterdrueckten in den individuen wiedererkannten, deren leben der staat gefordert hat, im wissen, es haette sie genauso treffen koennen. den aufstaendischen bewegungen lag also weniger die entruestung ueber einen einmaligen akt der gewalt durch eine_n einzelne_n vetreter_in der staatsgewalt zugrunde, als eine erkenntnis ihres eigenen sozialen elends- und das ganz ohne marx-lesekreis.

in wuerzbug kam es anfang der jahres zu einem suizid eines fluechtlings. das dortige lager in den raeumlichkeiten einer ehemaligen us-kaserne aehnelt nicht nur mit eingangskontrollen und natodraht einem knast. auch hier gilt das bereits bei bouazizi gesagte: ein staatlicher mord bedeutet nicht zwangslaeufig, dasz auch ein scherge des staates den abzug druecken muss. erinnert sei an dieser stelle auch an oury jalloh, der bei lebendigem leibe und gefesselt in einer polizeizelle verbrannte und an jeden bei oder nach einer abschiebung gestorbenen menschen.

zu einem eklat mit einem groszen teil der (v.a. buergerlichen bzw. Institutionalisierten) unterstuetzer_inneszene kam es, als eine reihe von gefluechteten einen hungerstreik begannen. das neue war, dass sie nicht nur die nahrungsaufnahme verweigerten, sondern sich die lippen zunaehten. und sie taten das nicht an dem ort, an dem der staat und der rassistische deutsche mob sie einzwaengen wollten, sondern in zelten im zentrum der stadt. ab jetzt gab es auch in der herausgeputzt-langweiligen fraenkischen stadt einen tahrir square. die protagonist_innen haben zu groszen teilen bereits in der bewegung gegen ahmadinedschads wahl 2009 teilgenommen. dies auessert sich sowohl im vorhandensein bestimmter forderungen (v.a. bezueglich einem ende des iranischen regimes), ihrem unnachgiebigem kampfgeist als auch dem noetigen selbstbewusstsein, um sich gegen die paternalistisch auftretenden abwiegler_innen in teilen der unterstuetzer_innenszene durchzusetzen (gleichzeitig wurden sie von anderen teilen ohne unterbrechung bis zur voelligen erschoepfung unterstuetzt). die abwiegler_innen zoegerten nicht, sich auch oeffentlich von der gewaehlten aktionsform zu distanzieren. hier wurde ein weiteres mal deutlich, dass eine bewegung spaetestens dann besiegt ist, wenn sie ihren aktivist_innen bezahlte stellen anbietet.

ein sprecher des bayerischen fluechtlings“rates“ (der von der organisationsform wenig mit der idee eines rates im sinne einer raetedemokratie gemein hat) wurde in der sz mit den worten zitiert, er halte den protest in wuerzburg fuer das „voellig falsche mittel“ und habe verstaendnis dafuer, wenn sich politiker_innen „erpresst“ fuehlen wuerden. nachdem eine ausweitung des wuerzburger protestes auf andere staedte in ganz deutschland deutlich wurde, haben sich sowohl er als auch seine arbeitskolleg_innen hinter die proteste gestellt.

nach dem kleinen exkurs und den bei genauerem blick doch ins auge stechenden parallelen bleibt nrk807 nur der schluss, das eine selbstverstuemmelung und -quaelerei in form eines hungerstreiks vielleicht wirklich das „voellig falsche mittel“ sein koennte, wenn auch in gaenzlich anderem sinne wie in besagtem artikel. die behauptung, dass sich politiker_innen dadurch wirklich erpresst fuehlen wuerden, scheint jedenfalls weit hergeholt. die wahl der mittel bleibt jedoch sache der kaempfenden fluechtlinge.


dort, wo wir an unserem leben gehindert werden, faengt unser widerstand an!
fuer eine autonomie der aktionsformen und gegen stellvertreter_innenpolitik!
bedingungslose solidaritaet mit den kaempfen der gefluechteten!

ENGLISH VERSION

some thoughts about the ongoing refugee struggles

„revolution in germany? that won’t ever succeed, if those germans want to storm a train station, they will buy a bahnsteigkarte (ticket that allows you to enter)-alleged to the chief grave digger of the russian revolution, w.i. uljanow („lenin“)

this article is about the refugee protests of the last months that began with a hunger strike in wuerzburg, but rose further and further. the main focus is neither an accuarate chronology of the events, a treatment of idividual places of protest nor a description about the miserable circumstances and the demands arising from them. this has already been done at other places-better and en detail. in contrast the important question adressed here is that of the legitimacy of different forms of protest. but for now, follow on a small excourse to resistance movements of the last few years in other countries. movements that have hardly been linked to the recent protests in germany:

after two migrant youngsters died being chased by cops, there were widespread riots in french banlieues in 2005. there was no need for street lamps at night. there was the reverberation of thousands of burning cars.

the murder of 15 year old alexis grigoropoulos in exarchia/athens (dec 2008) caused riots in the whole country, starting the very same night. there is hope for the inmates of greece that their jail will never fully recover from those reactions, though they also have to face other problems now.

the self-immolation of vegeable trader mohamed bouazizi (dec 2010) as an ac of protest against the disposal of cops and humilitations through the authrities led to a revolutionary wildfire, stripping four dictators of their thrones. even in places appearing as remote as ougadougou the ruling party’s headquarters were set ablaze.the end of history, proclaimed by the ruling fraction of the west after their victory against their pseudo-socialist competitors, seems to have found its own end. at once, anything necessary appears to be possible.

the murder of mark duggan of tottenham by the hands of the state (aug 2011) caused riots in several cities of the island prison, lasting for days. the lower strata, villainized by the rulers and their hack writers as chavs (council housed and violent) would not tolerate their exclusion from the advantages of capitalism any longer.

though all these insurgent movements of the last years are highly heterogenous, they show as the scale of what is considered as an appropriate reaction of the surpressed and marginalized to a murder of one of their members- in a global context. bouzazizi’s suicide has also to be understood as a murder by the state, becaue it pressed him to make this decision. the crucial point was that the oppressed recognized themselves in the individuals whose lives the state has clamed, knowing it could have happened to them the very same way. the reason of these insurgent movements was not outrage about an individual act of violence carried out by an sole represantant of state power. rather ty were fed by the recognition of their own social misery- without any need of marxist schooling.

at the beginning of this year a refugee in wuerzburg committed suicide. the refugee camp there, located in the abandoned gi barracks, resembled a prison not only because of the controls at the entrance and the barbed wire. what was already said in the case of bouazizi stays true: a murder by the state does not require one of its henchmen pulling the trigger. at this point, nrk807 wants to commemorate oury jalloh who burnt alive and bound inside a police cell and every single individual who died during or after a deportation.

there was an uproar on part of a large fraction of the (mainly liberal or institutionalized) supporters scene when a group of refugees started a hunger strike. the innovation was they not only refused eating but also sewed their lips together. and they did not do so at the place the state and racist german mob wanted to restrain them to, but in tents in the city centre. now there was also a tahrir square in this tarted up and boring town in franconia. a large fraction of the protagonists have already taken part in the movement against ahmadinedschads reelection in 2009. this manifests in particular demands (e.g. the end of the iranian regime),their adamant fighting spirit as well as the self-consciousness necessary to oppose the paternal appeasers in parts of the supporters scene(at the same time they were supported by other parts until complete exhaustion).the appeasers did not hesitate to distance themselves even in public. once again,it became manifest that a movement is defeated at latest in the very moment it offers paid positions to their activists.

a speaker of the bavarian refugee „council“ (which has -considering its form of organization- has little in common with the idea of a council in the sense of direct democracy) was quoted in the mainstream newspaper sueddeutsche zeitung with considering the protest in wuerzburg as the „least appropiate means“ and understanding policians if they feel blackmailed. after the spreading of the wuerzburg protest to other cities in whole germany became obvious, he and his colleages supported the protests.

after the excourse above and the parallels that hit the eye when one has a closer look, nrk807 is left with the conclusion that self mutilation and self torment as when going on hunger strike may really be the „least appropiate means“ though in a totally different meaning as in the mentioned news article. the claim politicians would feel blackmailed by this form of action appears to be quite far-fetched. the choice of means however has to be concern of the struggling refugees.

our resistance begins where we are barred from our lives!
for an autonomy of forms of actions and against represantative politics!
solidarity with the struggles of the refugees- without any conditions!

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